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Geschrieben

Die heutige Lesung 1 Kor. 15,56 lässt mich ratlos zurück. Warum soll das Gesetz die Kraft der Sünde sein? Griechisch, Latein und auch Kürzingers Machtbereich helfen mir nicht weiter.

 

56τὸ δὲ κέντρον τοῦ θανάτου ἡ ἁμαρτία, ἡ δὲ δύναμις τῆς ἁμαρτίας ὁ νόμος

56 stimulus autem mortis peccatum est virtus vero peccati lex

56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft der Sünde ist das Gesetz. (Einheitsübersetzung), so schon Luther 1545

56 Aber der Stachel des Todtes ist die Sünde. Die Krafft aber der Sünde ist das Gesetz

56 Der Stachel des Todes aber ist die Sünde; der Machtbereich der Sünde ist das Gesetz.(Hamp / Stenzel / Kürzinger; ich habe da die 14. Auflage von 1962 mit der ich aufgewachsen bin)

 

Vielleicht kann mir jemand erklären, wie denn nun Kraft, Sünde und Gesetz in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden können. Ich vertraue also auf die Kompetenz der vielen Fachleute im Forum.

Einsteinchen
Geschrieben

Die Stelle 1 Kor 15,56 ist tatsächlich eine theologisch dichte und herausfordernde Passage. Der Schlüssel zum Verständnis liegt in der paulinischen Argumentation über das Verhältnis von Gesetz (νόμος), Sünde (ἁμαρτία) und Tod (θάνατος), das besonders in Römerbrief (Röm 5–7) weiter ausgeführt wird.

 

1. Das Gesetz als „Kraft“ der Sünde

 

Warum soll das Gesetz die „Kraft der Sünde“ sein? Hier sind einige wesentliche Aspekte:

 

Das Gesetz offenbart die Sünde:

Paulus argumentiert in Röm 7,7–13, dass das Gesetz an sich gut ist, aber es bringt die Sünde erst richtig ans Licht. Ohne das Gesetz wüssten wir nicht, was Sünde ist („Ich hätte die Begierde nicht erkannt, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren“ – Röm 7,7). Dadurch wird die Sünde überhaupt erst bewusst und wirksam.

 

Das Gesetz kann die Sünde nicht besiegen:

Das Gesetz zeigt zwar auf, was richtig ist, aber es gibt dem Menschen nicht die Kraft, die Sünde zu überwinden. Stattdessen wird der Mensch in seiner Schwäche offenbar und fällt unter das Urteil der Sünde.

 

Das Gesetz weckt sogar die Begierde:

In Röm 7,8 sagt Paulus: „Die Sünde aber nahm Anlass durch das Gebot und bewirkte in mir jede Begierde“. Hier klingt eine paradoxe Dynamik an: Das Gesetz gibt der Sünde eine „Bühne“, indem es Vorschriften macht, aber dadurch wird der menschliche Widerstand geweckt – fast wie ein Kind, das erst durch ein Verbot richtig neugierig auf das Verbotene wird.

 

 

2. Zusammenhang mit dem Tod

 

1 Kor 15,56 steht im Kontext der Auferstehungslehre. Paulus sagt, dass der „Stachel des Todes“ die Sünde ist – also die Sünde bewirkt den Tod (Röm 6,23: „Der Lohn der Sünde ist der Tod“). Aber diese Sünde entfaltet ihre Kraft erst durch das Gesetz. Das bedeutet:

 

Ohne das Gesetz gäbe es keine bewusste Übertretung.

 

Dadurch, dass das Gesetz aber die Sünde aufdeckt, wird die Verurteilung unausweichlich.

 

Das führt letztlich zur Konsequenz des Todes.

 

 

3. Lösung durch Christus

 

Das große Finale kommt im nächsten Vers: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ (1 Kor 15,57).

Paulus will damit sagen: Das Gesetz kann die Sünde nicht überwinden, aber Christus kann es. In ihm geschieht die Befreiung von der Macht der Sünde, und damit verliert auch der Tod seinen Stachel.

 

Fazit

 

Zusammengefasst bedeutet 1 Kor 15,56 also:

 

Die Sünde führt zum Tod (vgl. Röm 6,23).

 

Das Gesetz macht die Sünde bewusst und bringt sie zur Entfaltung, aber es kann sie nicht besiegen.

 

Christus ist die Lösung, weil er die Macht der Sünde und damit die Herrschaft des Todes durchbricht.

 

 

Es handelt sich also nicht um eine negative Bewertung des Gesetzes an sich, sondern um eine theologische Argumentation, die zeigen soll, dass der Mensch durch das Gesetz nicht gerechtfe

rtigt wird, sondern allein durch Christus.

 

Einsteinchen
Geschrieben

Wie kommt da Kraft ins Spiel?

Einsteinchen
Geschrieben
Gerade eben schrieb Einsteinchen:

Wie kommt da Kraft ins Spiel?

Die Frage nach der „Kraft“ (δύναμις, virtus) der Sünde durch das Gesetz ist entscheidend. Warum bezeichnet Paulus das Gesetz als die Kraft der Sünde?

 

1. Was bedeutet „Kraft“ hier?

 

Das griechische Wort δύναμις (dynamis) bedeutet „Kraft, Macht, Wirksamkeit“. Es kann sich also auf eine aktive, wirkende Energie beziehen – also etwas, das etwas verstärkt oder antreibt.

 

Im Kontext von 1 Kor 15,56 sagt Paulus nicht einfach, dass das Gesetz mit der Sünde zusammenhängt, sondern dass es deren dynamis, also ihre treibende Kraft, ist.

 

2. Wie gibt das Gesetz der Sünde Kraft?

 

Dafür gibt es mehrere Aspekte in der paulinischen Theologie:

 

Das Gesetz definiert die Sünde und macht sie so erst richtig „mächtig“

 

Ohne das Gesetz gäbe es keine bewusste Übertretung.

 

Beispiel: Wenn es kein Tempolimit gäbe, könnte niemand wegen zu schnellen Fahrens bestraft werden. Erst das Gesetz macht die Übertretung zur Übertretung – und gibt damit der Sünde ihre „Macht“.

 

Röm 3,20: „Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.“

 

 

Das Gesetz verstärkt die Sünde, indem es die Begierde weckt

 

Röm 7,8: „Die Sünde aber nahm durch das Gebot einen Anlass und bewirkte in mir jede Begierde.“

 

Das Verbotene wird besonders reizvoll – die Sünde wird „aktiviert“ oder verstärkt.

 

 

Das Gesetz kann die Sünde nicht überwinden, sondern führt zur Verurteilung

 

Das Gesetz verlangt Gehorsam, aber der Mensch scheitert daran (Röm 7,14–24).

 

Dadurch wächst das Bewusstsein der Schuld – und die Sünde „herrscht“ über den Menschen.

 

Röm 5,20: „Das Gesetz aber kam hinzu, damit die Übertretung überströmend würde.“

 

 

 

3. Paulus' größere Argumentation: Befreiung durch Christus

 

Das Problem ist also: Das Gesetz macht die Sünde nicht nur sichtbar, sondern es verstärkt sie, weil der Mensch daran scheitert. Damit wird der Mensch unter die Herrschaft der Sünde und des Todes gebracht.

 

Deshalb ist Christus die Lösung:

 

Er erlöst vom Gesetz als Mittel der Verurteilung (Röm 7,6).

 

Er überwindet die Macht der Sünde (1 Kor 15,57).

 

Er besiegt den Tod, indem er seine Ursache (die Sünde) beseitigt.

 

 

Fazit

 

Die „Kraft der Sünde“ ist also nicht das Gesetz an sich, sondern die Wirkung des Gesetzes auf den sündigen Menschen:

 

1. Es definiert die Sünde und gibt ihr damit Macht.

 

 

2. Es verstärkt die Sünde, weil es Begierde weckt.

 

 

3. Es verurteilt, aber kann nicht retten.

 

 

 

Daher kann Paulus sagen: Die „Kraft“ der Sünde

ist das Gesetz – aber Christus nimmt dieser Macht die Grundlage.

 

Geschrieben (bearbeitet)

Der größere Kontext dieses Bemerkung ist meines Erachtens die Überwindung des Gesetzes - im Sinne des Gesetz des Alten Bundes - durch Jesus Christus. Das ist ein wiederkehrendes Thema in den Briefen des Paulus, man denke besonders an den Römerbrief. 

 

Warum aber ist nach Paulus das Gesetz die Kraft der Sünde? Da steckt, finde ich, eine (gerade für Juristen) sehr nachvollziehbare Überlegung dahinter:

 

Ohne das Gesetz sei die Sünde schwach gewesen, sagt der Hl. Johannes Chrysostomos in seiner 42. Predigt über den Korintherbrief. Sie sei zwar begangen worden, aber sie konnte nicht entsprechend bestraft werden. Das Böse wurde zwar begangen, konnte aber nicht so klar erwiesen und verurteilt werden. 

 

Was heißt das jetzt? Wo kein Gesetz, da keine Strafe. Nulla poena sine lege. Man könnte vielleicht sogar spekulieren, dass es bestimmte Verstöße (Sünde in theologischer Diktion) erst gibt, wenn es ein Gesetz (Paulus verwendet hier nomos, das in der griechischen Ausgangssprache vor allem für von Menschen gesetzes Recht gebraucht wird; Anklänge an das Gesetz der Juden sind nicht zufällig) gibt, das sie definiert. So besehen wirkt das Gesetz, das an sich gut ist, sozusagen als Verstärker für die Sünde, weil es sie greifbar macht, auf einen Begriff bringt. [Banales Beispiel: "Falschparken" gibt es als Ordnungswidrigkeit erst, seit es eine entsprechende Rechtsgrundlage dafür gibt. Vorher stand das Auto wahrscheinlich auch schon falsch, aber es konnte nicht entsprechend rechtlich gefasst und geahndet werden] 

 

Das Gesetz verstärkt die Sünde auch dahingehend, dass der Mensch, der das Gesetz kennt, an ihm scheitern kann. Wenn ich weiß, was Sünde ist und was nicht, ist die objektive Zurechenbarkeit meiner Verfehlung freilich größer als wenn es kein Regulativ gibt. 

 

Als weitere Überlegung, es geht im Umfeld dieser Perikope auch um den ersten Menschen und um die Wiederherstellung des Urzustandes vor dem Sündenfall durch Christus, kann man sich vor Augen halten, dass die Sünde das Gesetz erst hervorbringt. Der erste Mensch brauchte kein Gesetz, keine mannigfaltigen Gebote und Verbote, wie sie die Juden kannten. Er hatte ein einziges Gebot von Gott direkt erhalten und es übertreten. Erst die Übertretung und der Verlust des Paradies macht so etwas wie ein Gesetz überhaupt erst notwendig. 

 

Ist also das Gesetz als solches schlecht? Das kann man bei Paulus so nicht nachweisen. Einer seiner Kerngedanken ist allerdings, dass die Befolgung des Gesetzes allein nicht rechtfertigt. Andererseits ist gerade die Erfüllung des Gesetzes durch Christus, der selbst ohne Sünde war, eine andere zentrale Aussage bei Paulus. 

 

Der Hl. Johannes Chrysostomos schreibt dazu: Wenn es [sc. das Gesetz] aber durch das Verbot die Strafwürdigkeit vermehrte, so lag die Schuld nicht an dem Arzte, sondern am Mißbrauch des Heilmittels. Auch die Ankunft Christi war den Juden sehr lästig; aber darum werden wir dieselbe nicht tadeln, sondern vielmehr Jene beschuldigen, die Das zu ihrem Verderben mißbrauchten, was zu ihrem Heile bestimmt war. Um einzusehen, daß das Gesetz nicht eigentlich die Sünde verstärkt hat, erwäge, daß Christus dasselbe ganz erfüllt hat und ohne Sünde war. 

 

 

https://bkv.unifr.ch/de/works/cpg-4428/versions/homilien-uber-den-ersten-brief-an-die-korinther-bkv/divisions/270

bearbeitet von Studiosus
Geschrieben

Ein paar Gedanken dazu noch von mir:

Die Stelle steht ja eigentlich im Kontext davon, dass Paulus versucht, dem Auferstehungsgeschehen, diesem Glauben und der Erfahrung, dass es im Tod einen Bruch gibt mit allem, was war und dass danach etwas völlig Neues da ist, Sprache zu verleihen, Worte für etwas zu finden, das er ahnt und glaubt. Paulus arbeitet zunächst mit Gegensatzpaaren, um das aufzuzeigen: verweslich-unverweslich, Armseligkeit und Herrlichkeit, Schwachheit und Kraft.

Außerdem gehört zu diesem Ringen um Worte für das, was Auferstehung bedeutet, auch die Auseinandersetzung mit dem Tod. Diesem Bruch, durch den offensichtlich alles durchgehen muss. Mit Tod hat Paulus ja durchaus Erfahrung. Und auch mit dem Zusammenhang zwischen Gesetz und Tod: Als Christenverfolger: "...bin aus Israels Geschlecht, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer; ich verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig gemessen an der Gerechtigkeit, die im Gesetz gefordert ist."
Diese Ambivalenz eines Lebens nach dem Gesetz bzw mit der Spannung zwischen: "Das Gesetz muss Punkt für Punkt erfüllt werden und gibt vor, wie der Mensch nach Gottes Willen auf der Erde zu leben hat (es zeigt, wie das Leben gelingen kann und seine Erfüllung ist der Wegbereiter "des Lebens")"  - und der Erfahrung, die er ja selbst gemacht hat: "Wer das Gesetz absolut befolgen will, der läuft Gefahr, alles falsch zu machen und nicht dem Leben, sondern dem Tod den Weg zu bereiten und genau das zu verfolgen und zu töten, wofür er eigentlich sein ganzes Leben einsetzt." ist immer wieder Thema bei ihm.
Es ist insofern durchaus richtig, dass das Gesetz auch der Sünde "Dynamis" verleiht.

Zur Kraft noch: Die Dynamis ist im griechischen Denken ein Kraft, die da ist und sich doch erst zeigen wird. Sie ist eine dem Kosmos immanente Fähigkeit, eine Möglichkeit, eine Bewegung, die zum Werden drängt. Für die ersten Christen ist die Dynamis eine geheimnisvolle, auch erschreckende Kraft Gottes, sein "starker Arm", der alles er- und bewirkt. Das passt durchaus zu der Erfahrung, dass im Gesetz auch eine Kraft steckt, die der Sünde (und damit in Paulus`Verständnis dem Tod) Dynamik verleiht.
Zumal Auferstehung ohne Tod ja gar nicht möglich ist.

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Geschrieben (bearbeitet)

Vergelt's Gott! Auf die Hilfe des Forums ist halt Verlass :daumenhoch: . Eine kurze Frage und soviele so ausführlichen Antworten. Da heißt es Nacharbeiten!

bearbeitet von Wunibald
Geschrieben
vor einer Stunde schrieb Wunibald:

Auf die Hilfe des Forums ist halt Verlass

Auf LLMs auch (siehe die Beiträge von Einsteinchen). Oder auch nicht...

Geschrieben
vor 2 Stunden schrieb Studiosus:

Wo kein Gesetz, da keine Strafe. Nulla poena sine lege. Man könnte vielleicht sogar spekulieren, dass es bestimmte Verstöße (Sünde in theologischer Diktion) erst gibt, wenn es ein Gesetz [...] gibt, das sie definiert.

Und weil die Torah nicht gut genug war, hat die Kirche den Beichtspiegel erfunden und genau das gleiche angerichtet wie die Pharisäer.

Einsteinchen
Geschrieben
vor 32 Minuten schrieb gouvernante:

Auf LLMs auch (siehe die Beiträge von Einsteinchen). Oder auch nicht...

Richtig 

Geschrieben

Paulus dürfte in eschatologischer Nächsterwartung gedacht haben und vor dem Hintergrund der Wiederkunft seines Messias, scheint er die Torah nur noch als historischen Ballast ohne weitere Relevanz betrachtet haben. Darum war er ja auch extrem flexibel wem er zustimmte sie zu halten, was er selbst tat und wo er die Übernahme gleich im Keim erstickte.

 

Allerdings müssten man vielleicht erstmal klären, was Paulus unter Sünde verstand. Im Römerbrief wird der Begriff nicht wirklich spezifiziert - alle Sünde, geht aus der Übertretung des Adam hervor, aber worin nun die Sünde der Kinder Adams bestand, lässt er offen - aber, er stellt dort fest, daß erst das Gesetz die Sünde quasi provoziert. Indem das Gesetz ein "tu nicht" formuliert, regt sich lt. Paulus im Menschen der Wunsch genau das zu tun. Es erinnert ein bisschen an die Argumentation von US-Eltern ihre Kinder sollen nicht in den Sexualkundeunterricht, damit sie nicht auf die Idee kommen, selbst Sex haben zu wollen. 

 

Es gibt im Judentum den Begriff der "Freude an der Torah", die jene empfinden, die sie erfasst haben und die es als Herausforderung betrachten, die Mitzwoth auch unter ungünstigen Bedingungen zu halten oder möglichst kreativ auszulegen um sie "praktikabler" zu machen. Diese Freude geht Paulus offensichtlich völlig ab. Im Gegenteil ist die Torah für ihn eher ein rotes Tuch, da die, die sie halten in seinen Augen davon abgelenkt sind, sich auf seinen Messias hin auszurichten. Die Einhaltung eines "Gesetzes" (wenn er tatsächlich "menschliche Satzung" meint und nicht "göttliches Gebot", bin ich an dieser Stelle tatsächlich noch weiter von ihm entfernt als ohnehin schon), das jede Übertretung dieser Satzung als Sünde definiert, ist für ihn das Gesetz nicht die Lösung sondern die Ursache der Übertretung. Der Umkehrschluss "keine Sünde ohne Gesetz" war für ihn wahrscheinlich ziemlich verlockend.

Geschrieben
vor einer Stunde schrieb Flo77:

Paulus dürfte in eschatologischer Nächsterwartung gedacht haben und vor dem Hintergrund der Wiederkunft seines Messias, scheint er die Torah nur noch als historischen Ballast ohne weitere Relevanz betrachtet haben. Darum war er ja auch extrem flexibel wem er zustimmte sie zu halten, was er selbst tat und wo er die Übernahme gleich im Keim erstickte.

 


Hm, ich glaube nicht, dass das stimmt.

"Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich" ist doch eigentlich ganz klar das Bekenntnis von höchster Wertschätzung der "Wurzel" und zeigt, dass Paulus sich seiner Herkunft und der Kostbarleit und Wichtigkeit dieser Tradition sehr bewusst war. Es ist ein christliches antisemitisches Stereotyp, dass sich Judentum in dieser Hinsicht in möglichst penibler Gesetzestreue erschöpft. Das stimmt nicht. Auch im Talmud wird damit argumentiert, dass die vielen Gesetze immer weniger werden und schließlich auf eins reduziert werden werden. Der Talmud zitiert dazu Hab 2,4: "Der Gerechte lebt aus dem Glauben" - dieses paulinische Denken geht aus der rabbinischen Tradition hervor! Ben-Chorim chreibt dazu einiges in seinem Paulusbuch. (Die genauen Seiten und den genauen Wortlaut müsste ich heraussuchen, habe ich grad nicht zur Hand).

Es gibt noch eine andere Stelle, eh im Römerbrief (Röm 9, 2-5 ) aus der Paulus` Verbundenheit mit und seine Wertschätzung für die Religion seiner Herkunft und auch für das Gesetz sehr deutlich wird. Und auch sein Leiden darunter, dass die anderen Juden diese Erfahrung vor Damaskus, die sein eigenes Leben dermaßen verändert hat, nicht gemacht haben: "Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. Ja, ich möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind. Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, sie haben die Väter und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus, ... "

Ich verstehe dieses Thema "Gesetz" bei Paulus wie so vieles andere als Ausdruck einer unglaublichen Unruhe und verzweifelten Ringens nach neuem Verstehen und nach Ausdrucksmöglichkeiten für das, was ihn dermaßen umtreibt.

 

Geschrieben (bearbeitet)
vor 1 Stunde schrieb Flo77:

 

Es gibt im Judentum den Begriff der "Freude an der Torah", die jene empfinden, die sie erfasst haben und die es als Herausforderung betrachten, die Mitzwoth auch unter ungünstigen Bedingungen zu halten oder möglichst kreativ auszulegen um sie "praktikabler" zu machen. Diese Freude geht Paulus offensichtlich völlig ab.


Das könnte stimmen. ich glaube, für ihn liegt die Freude nicht darin, kreativ nach Lösungen zu suchen, wie Gesetze so interpretiert werden können, dass nichts aufgegeben werden muss: Weder die punktgenaue Erfüllung des Gesetzes  - noch das Vertrauen, dass dieser Bundesgott will, dass all das dem Leben dienen und nicht das Leben verunmöglichen soll. (Richtig spannend fand ich in dem Zusammenhang unlängst ein kurzes Gespräch mit einer orthodoxen Jüdin in der Münchner Synagoge zum Thema "Schabbatklingel").
Sondern: Bei Paulus findet sich, so verstehe ich es, genau dieselbe Haltung (übrigens auch wenn es um Sexualität und den Umgang mit dem Körper geht), nur weiter geworden um die Erfahrung, dass zu dieser Liebe, die von Gott "befohlen" ist (Du sollst den Herrn deinen Gott lieben...), auch Freiheit gehört. Und der Mut, zu glauben, dass es in der Liebe um Wechselseitigkeit geht, in die wir hineinwachsen dürfen/sollen. Im "Gebot" zu lieben steckt ja genau dieselbe Spannung wie in der Thora: Es ist dem Wesen nach nicht ein juristisches Gesetz, sondern eine Berührung, eine Erfahrung von Erkanntwerden, aus der das freiwillige Ja zu den Bedingungen für diese Liebesgeschichte kommt. Sein Suchen und seine Freude geht zu einem neuen Aspekt dieses Bundes zwischen Gott und Menschen.

bearbeitet von Ennasus
Geschrieben
vor 2 Stunden schrieb Ennasus:

Ich verstehe dieses Thema "Gesetz" bei Paulus wie so vieles andere als Ausdruck einer unglaublichen Unruhe und verzweifelten Ringens nach neuem Verstehen und nach Ausdrucksmöglichkeiten für das, was ihn dermaßen umtreibt.

Ich kenne Ben Chorin. Den Gedanken der fehlenden Freude am Gesetz z.B. habe ich von ihm.

 

Paulus war ein Getriebener ohne Zweifel. Und was auch immer ihm vor Damaskus passiert ist, hat ihn offensichtlich aus jeder Bahn geworfen. Nichts desto trotz ist er extrem inkonsequent. Siehe z.B. seine Version des Apostelkonzils. Die Apostel stellen fest, daß sich alle enthalten sollen von Blut, vom Erstickten und vom Götzendienst - bei Paulus bleibt davon nur noch die Meidung des Götzenopferfleisches, WENN es andere zum Götzenopfer verleiten könnte. Ihm war es schlicht egal und er hat sich vermutlich darauf ausgeruht, daß die Jerusalemer sicher nie in seine Gemeinden kämen um das klarzustellen.

 

Alle "Regeln", die Paulus aufstellt dienen am Ende des Tages nur dem Zweck moralisch wertvoller bzw. unangreifbar zu sein um den Heiden keinen Anlass zum Spott oder zur Kritik zu geben.

 

Es gibt bei Ben Chorin noch eine Theorie, daß der Missionseifer Pauli darauf abzielte die Wiederkehr des Messias' zu erzwingen, aber da müsste ich nochmal nachlesen (wenn meine Bücherregale wieder eingeräumt sind).

Geschrieben
vor 1 Stunde schrieb Ennasus:

(Richtig spannend fand ich in dem Zusammenhang unlängst ein kurzes Gespräch mit einer orthodoxen Jüdin in der Münchner Synagoge zum Thema "Schabbatklingel").

Ich finde dieses "Wasch mich aber mach mich nicht nass" irgendwo beschämend, aber das ist ein anderes Thema.

 

vor 1 Stunde schrieb Ennasus:

Sondern: Bei Paulus findet sich, so verstehe ich es, genau dieselbe Haltung (übrigens auch wenn es um Sexualität und den Umgang mit dem Körper geht), nur weiter geworden um die Erfahrung, dass zu dieser Liebe, die von Gott "befohlen" ist (Du sollst den Herrn deinen Gott lieben...), auch Freiheit gehört. Und der Mut, zu glauben, dass es in der Liebe um Wechselseitigkeit geht, in die wir hineinwachsen dürfen/sollen. Im "Gebot" zu lieben steckt ja genau dieselbe Spannung wie in der Thora: Es ist dem Wesen nach nicht ein juristisches Gesetz, sondern eine Berührung, eine Erfahrung von Erkanntwerden, aus der das freiwillige Ja zu den Bedingungen für diese Liebesgeschichte kommt. Sein Suchen und seine Freude geht zu einem neuen Aspekt dieses Bundes zwischen Gott und Menschen.

Die Worte "Sexualität", "Körper", "Paulus" und "Freiheit" in einem Satz zu verwenden, ist allerdings schon sportlich.

 

Ich glaube nicht, daß Paulus "eine Wahl" hatte. Zumindest hätte er das vermutlich nie von sich gesagt und ich bin mir fast sicher, daß er sich in seinem Eifer - trotz seinem theatralischen Gejammer - durchaus gesonnt hat. Jedenfalls denke ich, für ihn gab es keine Alternative zu seiner Mission.

An dieser Stelle trifft sich dann die Realität mit der Mystik. Was oder wen auch immer Paulus gesehen haben will, war - zumindest, wenn wir von einem historischen Damaskusmoment ausgehen - offensichtlich eine Erfahrung, die nicht jeder Mensch hat bzw. haben kann. Ich möchte gar nicht über die möglichen Phänomene diskutieren, für eine medizinische Diagnose ist die Quellenlage schlicht zu dünn, aber Paulus - und pardon, aber "eine Berührung, eine Erfahrung von Erkanntwerden" geht ebenfalls in diese Richtung - verabsolutiert hier und in seiner Theologie ein mystisches Erlebnis, daß der Thora selbst, von der selbst der Ewige zugeben musste, daß sie nicht im Himmel ist, schlicht fremd ist. Jesus hat viel von kleinen Gottesreicherlebnissen gesprochen (Selig sind...) aber diese Erfahrungen waren immer sehr konkret gedacht. Diese Konkreta (ich wusste bis gerade nicht, daß es dieses Wort gibt), sind aber im Gegensatz zur paulinischen Mystik für jeden direkt erfahrbar und nachvollziehbar.

 

Ehrlich gesagt scheint mir in Deinem Posting allerding noch eine elementare Information zu fehlen:

 

vor 2 Stunden schrieb Ennasus:

ich glaube, für ihn liegt die Freude nicht darin, kreativ nach Lösungen zu suchen, wie Gesetze so interpretiert werden können, dass nichts aufgegeben werden muss: Weder die punktgenaue Erfüllung des Gesetzes  - noch das Vertrauen, dass dieser Bundesgott will, dass all das dem Leben dienen und nicht das Leben verunmöglichen soll

Mir ist anscheinend der Übergang zwischen diesen beiden Sätzen und auch zu dem "Sondern" irgendwo verloren gegangen.

Geschrieben
vor 19 Minuten schrieb Alfons:

 

@Wunibald : Wenn du magst, kann ich dir das Kapitel abscannen und als PDF schicken.

Ich empfehle allerdings die Anschaffung der kompletten "Heimkehr", da die drei Bücher teilweise aufeinander Bezug nehmen.

Geschrieben
vor 22 Minuten schrieb Alfons:

Das paulinische Gesetzesverständnis sei "eine Frucht der würgenden Angst vor dem Gesetz und seinen Konsequenzen".

Wenn man sarkastisch wäre, könnte man sagen, daß klassische katholische Katechese in Tradition dieses paulinischen Denkens nichts anderes gemacht als die Angst vor dem Gesetz durch die Angst vor der Sünde und dem Fegefeuer zu ersetzen. Und das mit ähnlichen to-do-Listen...

 

vor 26 Minuten schrieb Alfons:

"Indem Christus das Gesetz, das wir nicht erfüllen können, erfüllt hat, weil er Geist vom Geist Gottes ist, [...] hat er uns [...] vom Gesetz losgekauft." Diese Konzeption sei für Paulus aber, da ist sich Ben-Chorin sicher, kein Ausbruch aus dem Judentum gewesen.

Ben Chorin legt in seinem Buch extremen Wert darauf Paulus als Juden und als Nur-Juden zu portraitieren. Insofern verwundert es mich nicht, daß er Paulus "nicht aus dem Judentum ausbrechen lässt".

 

Ich pers. kann hier weder Paulus noch Ben Chorin folgen, da mir das Konzept der "Erfüllung des Gesetzes durch Christus" im Sinne einer abschließenden Aktion nicht einzuleuchten vermag. Das Gesetz Gottes ist eine permanente Aufgabe, die jeden Menschen gleichermaßen betrifft. Ein nie abgeschlossener Prozess bis ans Ende der Zeit (und je nach Idee vom himmlischen Jerusalem auch darüber hinaus).

Paulus selbst musste erleben, was in einer "regellosen" Gesellschaft passiert und sah sich genötigt, eine "Rumpfthora" wieder einzuführen. Den besonderen Dreh bekommt das bei Paulus meiner Meinung nach allerdings durch die mystisch-spirtuelle Überhöhung. "Der Körper ist der Tempel des Geistes" der von aller sexuellen Befleckung rein gehalten werden muss (in den aber alles essbare rein darf), ist wohl eher eine hellenistische Idee denn eine originär jüdische. Damit macht er die Befolgung seines "Gesetzes" in meinen Augen sogar noch beängstigender als die Thora.

 

 

Jakobgutbewohner
Geschrieben
vor 1 Stunde schrieb Flo77:

Paulus selbst musste erleben, was in einer "regellosen" Gesellschaft passiert

Wenn die Menschen einer solchen Gesellschaft aus Gott wollten und in der Folge einen "lichten" seelischen Zustand aufwiesen, würde ja Göttliches passieren. Auf solches zielt nach meinem Verständnis das Christentum in der weiterreichenden Folge tatsächlich genutzter christlicher Auslösung.

Geschrieben
vor 2 Stunden schrieb Alfons:

 

Im Wesentlichen im 4. Kapitel, ab Seite 52 (Taschenbuch-Ausgabe).

 

Schalom Ben-Chorim weist dort zunächst darauf hin, warum diese Gesetz-Sünde-Aussagen, um die es auch hier im Thread geht, missverstanden werden können. Paulus war Jude, aber ein griechisch sprechender Jude. Er benutzt das Wort Nomos für "Gesetz", meint damit aber jeweils Verschiedenes. Ben-Chorin erläutert das ausführlich und fasst dann zusammen: "Wir können nun also feststellen, dass im Sprachgebrauch des Paulus das Wort Nomos sehr verschiedene Bedeutungen haben kann. Es kann Thora im weiteren oder engeren Sinne bedeuten, es kann für Halacha stehen, das pharisäische System der Gesetzes-Interpretationen, und es kann für Mizwoth ma'assioth stehen, für das Ritualgesetz."

Um herauszufinden, was Paulus jeweils meint, müsse man deshalb immer den Kontext beachten. Oft seien damit die Ritualgesetze gemeint, die 613 Gebote und Verbote, unter denen, sagt Ben-Chorin, Paulus gelitten habe. Das Judentum sehe diese Regeln ja auch dialektisch. Einerseits werden sie Ol ha-Mizwoth genannt, das Joch des Gesetzes, andererseits ist von Simcha schel Mizwa die Rede, der Freude am Gesetz, die nichts mit der christlichen Vorstellung einer Werkgerechtigkeit zu tun habe. Gerade Pharisäer, und Paulus war ja einer, waren jene Menschen, die "aus Liebe dienten".  Ben-Chorin spricht da von der "Tragik des Paulus" und schreibt: "Offenbar hat Paulus das Joch des Gesetzes in seiner ganzen Schwere empfunden, nicht aber die Freude am Gesetz." Das paulinische Gesetzesverständnis sei "eine Frucht der würgenden Angst vor dem Gesetz und seinen Konsequenzen".

 

Gerade jemand, der für das Gesetz eifert, wird durch die Vielfalt der Vorschriften in eine Verstrickung geführt. "Da auch das Denken und Fühlen von diesen Vorschriften erfasst wird", ertappe man sich bei Gedankensünden aller Art, und je intensiver einer versucht, die Regeln einzuhalten, desto stärker laste das Gefühl der Verfehlung, desto sündiger fühle er sich. "Je tiefer wir in das Gesetz eindringen, desto tiefer, erkennt Paulus, werden wir in die Sünde verstrickt." Dass damit das Gesetz in seiner Gänze, die Thora, nicht gemeint sein kann, ist klar, und in Römer 7  Vers 7 argumentiert Paulus auch so: "Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz."

 

Paulus, schreibt Ben-Chorin, "fragt in den entscheidenden Stadien seines Lebens nicht mehr: Wer befreit uns von der Sünde?, sondern: Wer befreit uns vom Gesetz?" Hier kommt nun das Damaskus-Erlebnis und die Erkenntnis, dass Erlösung durch Christus nicht nur Erlösung von der Sünde, sondern auch Erlösung vom Gesetz sei, genauer von der Anhäufung der Sündenschuld, die dadurch entsteht, dass man den Regeln des Ritualgesetzes nie Genüge tun kann (und die Freude am Gesetz nicht fühlen kann). "Indem Christus das Gesetz, das wir nicht erfüllen können, erfüllt hat, weil er Geist vom Geist Gottes ist, [...] hat er uns [...] vom Gesetz losgekauft." Diese Konzeption sei für Paulus aber, da ist sich Ben-Chorin sicher, kein Ausbruch aus dem Judentum gewesen. (Worauf Ennasus weiter oben ja schon hingewiesen hat).

 

@Wunibald : Wenn du magst, kann ich dir das Kapitel abscannen und als PDF schicken.

Alfons

 

Ich finde ja küchenpsychologische Aussagen immer drollig. Es gehört zu den Basics der Psychotherapie zu wissen, daß man niemanden diagnostizieren kann, den man nicht persönlich kennt und über die, die man kennt, eben nichts sagen darf.

 

Nichtpsychologen haben diese Selbstbeschränkung scheinbar nicht und können Motivationen auch aus dem Abstand von 2000 Jahren genau feststellen. Beeindruckend.

Geschrieben (bearbeitet)
vor 7 Stunden schrieb Flo77:

Wenn man sarkastisch wäre, könnte man sagen, daß klassische katholische Katechese in Tradition dieses paulinischen Denkens nichts anderes gemacht als die Angst vor dem Gesetz durch die Angst vor der Sünde und dem Fegefeuer zu ersetzen. Und das mit ähnlichen to-do-Listen...


Man könnte auch sagen, dass es in jeder Religion Menschen gibt, die die Regeln und Gebote, die die Religion vorgibt, als Möglichkeit nutzen, ihre Angst irgendwie kontrollieren zu können. Man braucht dazu aber nicht mal eine Religion. Man kann auch in einem säkularen Staat ein Gesetz nach dem anderen beschließen, die alle keine andere Funktion haben, als ein Gefühl bzw. die Illusion von Sicherheit und Kontrolle zu vermitteln. Man braucht da gar nicht sarkastisch sein. 

bearbeitet von Ennasus
Geschrieben
vor 8 Minuten schrieb Ennasus:


Man könnte auch sagen, dass es in jeder Religion Menschen gibt, die die Regeln und Gebote, die die Religion vorgibt, als Möglichkeit nutzen, ihre Angst irgendwie kontrollieren zu können. Man braucht dazu aber nicht mal eine Religion. Man kann auch in einem säkularen Staat ein Gesetz nach dem anderen beschließen, die alle keine andere Funktion haben, als ein Gefühl bzw. die Illusion von Sicherheit und Kontrolle zu vermitteln. Man braucht dagar nicht sarkastisch sein. 

Es ist nur bemerkenswert, daß Paulus die Abkehr vom Gesetz wollte und die Kirche aber genau das Gegenteil getan hat. Ich glaube es gehört zu den zwangsläufigen Missverständnissen, die dadurch entstehen, daß Paulus den Menschen eine mystische Erfahrung abverlangt, die sie selbst nie erleben werden/können. Also tut man das, wo man sich sicher ist und das ist nunmal "das Gesetz", da es konkret bzw. erfahrbar ist. 

Jakobgutbewohner
Geschrieben
vor 11 Minuten schrieb Flo77:

mystische Erfahrung abverlangt, die sie selbst nie erleben werden/können

Hier liest sich das z.B. nach meinem Eindruck aber ganz anders.

 

">Weswegen bist Du heute so traurig, Jesus? Sag mir, wer der Grund Deiner Traurigkeit ist?< Jesus entgegnete: >Auserwählte Seelen, die Meinen Geist nicht haben, die nach dem Buchstaben leben, haben den Buchstaben über Meinen Geist erhoben, über den Geist der Liebe. Ich habe Meinen ganzen Orden auf Liebe aufgebaut, aber in den Ordensgemeinschaften sehe Ich die Liebe nicht, dewegen ist Mein Herz von Trauer erfüllt<"

Heilige Faustyna, Tagebuch 1478

Geschrieben
vor 4 Minuten schrieb Flo77:

Es ist nur bemerkenswert, daß Paulus die Abkehr vom Gesetz wollte und die Kirche aber genau das Gegenteil getan hat. Ich glaube es gehört zu den zwangsläufigen Missverständnissen, die dadurch entstehen, daß Paulus den Menschen eine mystische Erfahrung abverlangt, die sie selbst nie erleben werden/können. Also tut man das, wo man sich sicher ist und das ist nunmal "das Gesetz", da es konkret bzw. erfahrbar ist. 

Dass Paulus eine mystische Erfahrung "verlangt", sehe ich nicht. Aber sehr wohl, dass seine eigene mystische Erfahrung für ihn alles verändert hat und dass er sein neues Verstehen am liebsten allen vermitteln und vielleicht auch überstülpen möchte.
Ich glaube das, ja: Überall wo Unsicherheit und Angst ist, tendieren Menschen dazu, sich mit Regeln und Gesetzen absichern zu wollen. Natürlich auch in der Kirche. Das ist das eine - dass in jeder Gemeinschaft Menschen sind, die alles, was sie als richtig empfinden, für alle verpflichtend machen möchen. Zunächst aus gutem Willen und aus ihrem eigenen Verstehen und Erfahren heraus. Das Zweite ist dann, dass man Regeln ohne Machtausübung nicht durchsetzen kann. Und dass es ganz schnell zu einer Vermischung von gutem Willen und Machtausübung kommt. Bis (und leider geht das oft sehr schnell und vermutlich wirklich fast zwangsläufig) die Gesetze fast nur noch ein Mittel zur Machtausübung werden.   

Geschrieben
vor 7 Stunden schrieb Flo77:

Das Gesetz Gottes ist eine permanente Aufgabe, die jeden Menschen gleichermaßen betrifft. Ein nie abgeschlossener Prozess bis ans Ende der Zeit (und je nach Idee vom himmlischen Jerusalem auch darüber hinaus).

Paulus selbst musste erleben, was in einer "regellosen" Gesellschaft passiert und sah sich genötigt, eine "Rumpfthora" wieder einzuführen. Den besonderen Dreh bekommt das bei Paulus meiner Meinung nach allerdings durch die mystisch-spirtuelle Überhöhung. "Der Körper ist der Tempel des Geistes" der von aller sexuellen Befleckung rein gehalten werden muss (in den aber alles essbare rein darf), ist wohl eher eine hellenistische Idee denn eine originär jüdische. Damit macht er die Befolgung seines "Gesetzes" in meinen Augen sogar noch beängstigender als die Thora.

 

 


Der Satz mit dem "Körper als Tempel des Heiligen Geistes" ist doch keine spirituelle Überhöhung? Das zieht sich doch durch die ganzen biblischen Texte immer wieder durch, dass der menschliche Leib Tempel des heiligen Geistes ist. Dass Paulus ihn in diesem Kontext erwähnt, habe ich als Reaktion auf eine gnostische Umgebung verstehen gelernt. Die Christen in Korinth waren geprägt von der Gnosis, in der es diese Spaltung zwischen Körper und Geist gab. Paulus wehrt sich gegen eine gnostische Haltung, die so argumentiert: "Das Entscheidende, wenn jemand Christ ist, ist, dass er in Christi Geist lebt. Was er mit seinem Körper, mit Essen und Trinken und Sexualität macht, ist unwichtig, da kann er tun, was er will und worauf er Lust hat."

Paulus ist auch da ganz Jude: Der Leib ist der Ort der Gegenwart Gottes. Und dann ist es eben nicht egal, was ich tue, solange ich nur bete oder so.
(Das ist eigentlich das Gegenteil von Leibfeindlichkeit)

Es gibt für Paulus in diesem Kontext zwei Bedingungen für die Freiheit des Christen: (1 Kor 6,12)

  • "Alles ist mir erlaubt» - aber nicht alles nützt mir." - Sexualität soll mir "nützen" - mir und der Gemeinschaft/dem andern gut tun. 
  • "Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich." - Sobald mich das, was ich tue (essen, trinken, meine Sexualität ausleben) unfrei macht und mein Leben zu bestimmen beginnt, ist es falsch.

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